Co-Housing bei Pomali: Ein neues Maß an Gemeinschaft

 

Gemeinschaftlich wohnen. Sinnvoll, leistbar, unkompliziert. Traumhaft, oder? Wir sind eingetaucht ins Thema Cohousing und haben mit Alfred Strigl von „Pomali“ gesprochen: Ist es wirklich so rosig?

 

 

Pomali ist ein Co – Housing Projekt in Wölbling, Niederösterreich. 78 Menschen haben dort ihre eigene kleine Siedlung verwirklicht – nach dem Motto:

Praktisch, Oekologisch, Miteinander, Achtsam, Lustvoll und Integrativ (POMALI)

Sie leben in 29 Wohneinheiten gemeinschaftlich zusammen, organisieren sich, realisieren Projekte und verbringen ihre Freizeit miteinander.

 

RICHI: Pomali ist eine Gemeinschaft. Wie versteht ihr euch denn selbst als Gruppe? Schlichte Wohnbaugenossenschaft für leistbares Wohnen oder moderne Kommune, die die Gesellschaft umkrempelt?

 

ALFRED: Wir sind definitiv keine Kommune. Es gibt keinen Guru, kein Leittier – dafür sind wir viel zu individualistisch und europäisch unterwegs. Natürlich gibt es Mitglieder, die einen besonderen Beitrag zum Projekt geleistet haben und ohne die Pomali nicht in dieser Form existieren würde. Wichtiger oder mächtiger sind sie deswegen aber nicht. Entweder wir alle sind Leittiere, oder eben keiner!

Grundsätzlich sind wir ein Co – Housing Projekt, das ist unser kleinster gemeinsamer Nenner sozusagen. Wir pflegen einen kooperativen Lebensstil in gemeinschaftlicher Nachbarschaft und kennen einander gut.

Doch viel wichtiger ist unser größtes gemeinsame Vielfaches: Aus unserer Wohngemeinschaft heraus erkennen und entwickeln wir viele spannende und einzigartige Projekte, wie zum Beispiel beim Schloss Landersdorf. Wir stehen kurz davor, einen Mietvertrag über das Schloss und die umliegenden 18 Hektar Wald zu unterschreiben. Coworking Space, Permakultur – Gärten, nachhaltiges Wohnen, usw. sind dort geplant, da kommt Spannendes auf uns zu!

 

RICHI: Ihr wartet nicht, bis sich die Gesellschaft verändert, sondern ihr nehmt es einfach selbst in die Hand. Möchtet ihr als Vorbild wahrgenommen werden?

 

ALFRED: Albert Schweitzer sagte: “Nichts ist stärker als das gute Vorbild!“ Auch ich sehe das so. Wer gesellschaftlichen Wandel will, sollte nicht nur proklamieren, Widerstand leisten und seinen Gefühlen, Überzeugungen und Denkweisen in Wort und Schrift Ausdruck verleihen. Viel mehr liegt es am Tun! Es geht um konstruktive Aktion, die für sich im Kleinen bereits den Wandel vollzieht! Das wirkt tausendmal stärker. Das Vorbild ist genial!

 

RICHI: Wo könnte sich die Gesellschaft von euch eine Scheibe abschneiden?

 

ALFRED: Wir unterhalten eine Food Coop. Biogast beliefert uns mit Leckereien und mit dem Demeterhof Mogg läuft eine Kooperation als CSA (Community Supported Agriculture). Prallgefüllte Regale in unserer gemeinschaftlichen Speisekammer, voller Köstlichkeiten vom besten Bauern, was will man mehr? Einen feinen Permakultur-Garten bewirtschaften wir ebenfalls, aber der wurde erst vor einem Jahr angelegt und wirft noch nicht viel ab. Ganz ohne Supermarkt kommen wir trotz allem nicht aus!

food-coop

Weiters ist da noch unser Carsharing Pool mit 6 Autos. Vom Mini bis zum VW – Bus steht alles bereit.

 

RICHI: 6 Autos? Reicht das für alle Pomalis?

 

ALFRED: Bei uns leben 29 Familien, wovon etwa 10 über ein eigenes Auto verfügen. Insgesamt stehen bei uns also 15 Autos herum, völlig ausreichend. Für 78 Menschen, davon kann Wien bloß träumen!

Ursprünglich wollte uns das Land NÖ und die Gemeinde 1,5 Parkplätze pro Wohneinheit verpassen. Das hätte 45 Parkplätze bedeutet, viel zu viele! Letztendlich sind’s 29 geworden, wovon die Hälfte nicht benützt werden, na bravo.

 

RICHI: Wie sieht’s mit Heizung, Strom und Abfall aus?

 

ALFRED: Geheizt wird mit Solarthermie auf dem Dach und einer zentralen Hackschnitzelheizung, die multifunktional ausgelegt ist. Wir könnten darin also auch mit Hackgut und Scheitholz heizen. Wir beziehen 100 % Ökostrom und sind daher quasi an den Windrädern von Ökostrom in der Nähe beteiligt.

Und was den Abfall anbelangt: Kompostierbarer Biomüll kommt auf unsere 2 Komposter und verwandelt sich dort in saftigen Humus, mit dem wir unseren Garten düngen. Das funktioniert super, auch weil wir laufend vom benachbarten Pferdegestüt Pferdedung abholen und dem Kompost beimischen.

Dinge wie gekochtes oder zubereitetes Essen dürfen nicht auf den Kompost, sondern kommen in die grüne Tonne und werden von der kommunalen Abfallentsorgung abgeholt.

 

RICHI: Solarthermie zum Heizen und Permakultur-Garten: Selbstversorgung ist also ein Thema?

 

ALFRED: Ein paar Personen beschäftigen sich ganz stark mit der Selbstversorgung mit Lebensmitteln, z.B. Franco, der bei Arche Noah arbeitet, von wo wir alte, besondere Gemüsesorten bekommen. Erst letztens hab’ ich versehentlich statt einem Paprika einen scharfen Chili zu Salat verarbeitet, da hat’s mir die Schuhe ausgezogen, das kann ich dir sagen!

garten

 

RICHI: Darauf hat Franco mit seinem gemeinschaftlichen Engagement im Garten wohl nicht abgezielt! Engagiert sich denn jeder in der Gemeinschaft? Oder kann man auch einfach nur da wohnen?

 

ALFRED: Nur dabei sein und gar nicht engagieren geht nicht. Wenn das jemand möchte, würde es ihm/ihr bei uns auch nicht gefallen. Und außerdem würden wir ihn/sie nicht aufnehmen. Es gibt bei weitem mehr InteressentInnen als wir Platz haben. Da kristallisieren sich natürlich die heraus, die am besten zu uns passen.

 

RICHI: Ein Aufnahmeverfahren?

 

ALFRED: Ja, mit 5 Stationen, so wie eine Hüttentour, bei der man die silberne Wandernadel ergattern kann. Einmal im Monat finden Kennenlernwochenenden statt. Bei PIA (Pomali in Aktion) wird Hand angelegt und in einem der 5 Arbeitskreise mitgeholfen (Finanzen, Organisation, Gemeinschaft, Beziehungen und Haus). Wenn alles passt, fehlt nur noch ein formaler Aufnahmeantrag. Im Moment sind allerdings alle Wohnflächen bewohnt, hinzu kommt daher, dass man warten muss, bis wieder etwas frei wird.

 

RICHI: Sieht aus als würdet ihr euch gut organisieren. Wie macht ihr das genau?

 

ALFRED: Pomali besteht als Kreiskultur, soziokratisch organisiert. Jeder Arbeitskreis entsendet eine leitende und eine delegierende Person in den Leitungskreis, der als Steuerungsorgan fungiert. Und pass auf: Wir sind besser geführt als die meisten mittelständischen Unternehmen! Es ist genial und schauerlich zugleich. Wir wohnen und leben dort nur aber wir sind geführt wie eine Taskforce, wie ein Stamm auf der Marsmission der NASA!

 

RICHI: Klingt nach Arbeit!

 

ALFRED: Wir haben das Haus vor 1½ Jahren bezogen, die Aufbauphase war jedoch viel länger. Wir blicken auf 7 Jahre gemeinsames Arbeiten zurück! Mitunter viel Schweiß und Nerven hat uns das gekostet, aber wie Arbeit fühlt es sich nicht an. Die Gemeinschaft macht Spaß und die meisten strotzen vor Energie!

gemeinschaftsraum2

 

RICHI: So viel positive Energie, so viel gemeinschaftlicher Zusammenhalt. lst dir das schon mal zu viel geworden?

 

ALFRED: Mir nicht, aber anderen schon. Manchmal haben wir ein Überangebot an Gemeinschaftsaktivitäten. Schamanische Reisen, Traumkreis, Gartengestaltung, mit den Kindern im Wald spielen usw. Da muss man für sich allein entscheiden: „Wieviel Gemeinschaft tut mir gut?“

 

RICHI: Letzte Frage: Was macht dir bei Pomali am meisten Spaß?

 

ALFRED: Das spontane Zusammenkommen. So wie gestern Abend, wenn 3 Paare spontan zusammenkommen und über die Welt philosophieren, lustig beisammen sind und tratschen. Leute kommen dazu und plötzlich wird gesungen, Gitarre gespielt und getanzt auf unserem Tanzboden.

Oder wenn ich mit den Buben Fußballspielen gehe hinten auf unserer Wiese. Plötzlich siehst du dich selber in einer Meute aus 12 Buben Fußball spielen. Das ist schön, das ist gutes Leben.

 

Alfred1811


 

 

„Gutes Leben – das hört sich doch fein an, oder? Für die BewohnerInnen von Pomali scheint’s zu passen, Soziokratie sei Dank. Auch mit unseren Wohnwagons sind erste Gemeinschaftswohnprojekte im Entstehen! Hast du Interesse an dem Thema oder selbst Erfahrungen, Fragen, Anregungen, die Du teilen willst? Wir freuen uns über Deine Nachricht oder Deinen Kommentar!“

AutorIn

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