Boden – Humuss sein!

 

Laut UNO ist 2015 das «Internationale Jahr des Bodens», zumindest ein bisschen mehr Aufmerksamkeit für eine lebenswichtige Ressource, die wir tagtäglich mit Füßen treten.

Mit Füßen getreten

Ja, das tun wir. Auslaugen, unfruchtbar machen und dann Düngemittel versprühen bis die Gurken wieder die korrekte Krümmung und den vorgegebenen Grünstich haben. Die Böden geben nach der Reihe den Geist auf und „ver-Wüsten“. Wegen so ein bisschen Monokultur und Bearbeitungswahnsinn? Die Böden speichern mittlerweile kaum noch CO2 – eine ihrer wichtigsten Funktionen. Aber egal. Is ja nicht so als hätten wir gerade mit einer absolut unberechenbaren Klimaveränderung zu tun, da brauchen wir auf den größten CO2-Speicher der Erde doch keine Acht geben, oder?

Neverending Story. Oft gehört, doch nicht minder wichtig! Und man merkt: Für uns sehr emotional besetzt, weil noch völlig unterrepräsentiert in der ganzen Diskussion rund um Klimaschutz, Nachhaltigkeit und Bla.

Der Gatsch hat’s in sich

Es wird Zeit, dass wir merken, wie wichtig die Ressource Boden ist. Der Gatsch, der zwischen den Zehen hervorquillt, wenn wir barfuß im morastigen Wald unterwegs sind, besteht nicht einfach nur aus einem Batzen Dreck mit Wasser! Vielmehr kleben Millionen von kleinen Viechern auf deiner Haut, die in einem sensiblen Gleichgewicht und unter gegenseitigen Abhängigkeiten (fressen und gefressen werden) mit- und voneinander leben.

„Batzen Dreck mit Wasser“?

Der Anteil von lebenden Organismen im Boden ist hoch und von unschätzbarem Wert. Der ideale Boden beinhaltet:

  • 65% tote, organische Substanz (=Humus)
  • 15% mineralische Substanz und
  • 20% Organismen (=lebende, organische Substanz).

Unsere landwirtschaftlich genutzten Böden sind weit von solcher Qualität entfernt. Wir haben hier großteils schon Wüstenböden geschaffen, auf denen wir nur mehr mit massivem Düngemitteleinsatz anbauen können! Europäische Böden bestehen durchschnittlich aus:

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Wir sind weit weg vom idealen Boden! Für die Bodenfruchtbarkeit wichtige Bestandteile wie Humus, Pflanzenwurzeln und Organismen, also die gesamte Organik, machen nur wenige Prozent der europäischen Böden aus. Jahrzehnte voll intensiver Landwirtschaft und ununterbrochenem Einsatz von Düngemittel und Pestiziden haben ihren Beitrag zu einer „nachhaltigen“ Verschlechterung unserer Böden geleistet (mehr dazu hier).

Im Kontext von Boden fällt immer wieder das Wort „Humus“. Humus ist wichtig für die Bodenfruchtbarkeit. Aber was ist das denn genau? Wie entsteht es und welche Vorgänge spielen sich darin ab? Und: Za wos des Gonze??

Humus = Gesamtheit der abgestorbenen und zersetzten organischen Substanz im Boden

Humus ist kein einheitlicher Stoff, sondern ein Gemisch aus vielen unterschiedlichen Substanzen, die bis jetzt noch nicht vollständig entschlüsselt wurden. Dieses Gemisch verändert sich ständig, weil es sich zersetzt.

Pflanzen und Tierchen auf und unter der Erde sterben ab und bilden sogenannte Streustoffe. Man kann noch gut erkennen, ob das Ausgangsmaterial Nadeln, Laub, oder sonst was war. Diese zersetzen sich recht rasch.

Nach einer Weile entstehen sogenannte Huminstoffe. Die sind schon recht hartnäckig und verbleiben lange im Boden. Es ist nun auch nicht mehr zu erkennen, was das Ausgangsmaterial war. Huminstoffe färben den Boden in satte Schwarz-, Grau- und Brauntöne. Darin wimmelt es vor Leben!

Der ganze Umwandlungsprozess von totem organischem Material zu stabilen Huminstoffen nennt sich Humifizierung. Die fleißigen Helferlein dieses Vorgangs sind Millionen von kleinsten Tierchen (Nematoden, Protozoen, Milben…) und Pflänzchen (Bakterien, Pilze und Algen) im Boden, die sich von Teilen der organischen Reste ernähren.

Es gibt jedoch auch Mikroorganismen, welche die organischen Reste vollständig zu anorganischen Stoffen (H2O, CO2) abbauen, die dann ins Grundwasser oder in die Atmosphäre gelangen können. Das nennt man dann Mineralisierung, – der Sparring-Partner der Humifizierung.

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Warum Humus unverzichtbar für den Boden ist…

  • Er hält Nährstoffe parat: Viele Nährstoffe gelangen in Form von Kationen in den Boden. Diese besitzen eine positive elektrische Ladung und können verloren gehen, wenn sie keiner “festhält”, und zwar mit einer negativen Ladung. Genau das tut Humus, und zwar so lange bis Pflanzen die Nährstoffe brauchen. Dabei lauten die Zauberworte Adsorptionsvermögen und Kationenaustauschkapazität.
  • Er bindet Schadstoffe: Humus verfährt mit Schadstoffen ähnlich wie mit Nährstoffen. Das bedeutet leider nicht, dass die lecken Ölfässer im Wald des Nachbarn dem Boden und seinen BewohnerInnen nicht schaden, aber Humus verzögert und vermindert die Wirkung. Schadstoffe gelangen langsamer in den Boden, wodurch das Grundwasser vor einer Verunreinigung geschützt wird (zumindest vorläufig).
  • Er speichert Wasser: Humus kann das 3 bis 5-fache des Eigengewichtes an Wasser speichern. Supersache bei Überschwemmungen und so. Diese werden laut Klimaforscher in Zukunft häufiger und heftiger, genau wie bei anderen Großwetterereignissen (Stürme, Dürren,…). Wüste speichert kein Wasser. Nur so zur Info.
  • Er begünstigt die Bodenstruktur: Huminstoffe verkleben die verschiedenen Bodenteilchen miteinander und es entsteht ein stabiles Aggregat mit vielen kleinen Kanälen und Freiräumen, die durch Wasser kaum aufgelöst werden kann. Das nennt man dann “Krümelstruktur”. Anfühlen tut es sich ungefähr wie elastisches Schwammgewebe, und es sieht auch ein bisserl’ danach aus.
  • Er regelt die Temperatur: Humus kann ganz schön dunkle Farbtöne annehmen! Wie man weiß, erwärmen sich dunkle Sachen schneller als helle. Im Frühling ist das gut für die Frühaufsteher unter den Pflanzen, die brauchen nämlich die Wärme zum Wachsen. Auf der anderern Seite isoliert Humus den Untergrund gegenüber Temperaturschwankungen von oben.

Warum Humus unverzichtbar für die Weltgemeinschaft ist…

Rolle von Humus im Kleinen – klar. Und wie schaut die globale Perspektive aus? Der Weltgemeinschaft ist Boden wurscht. Solange er Pflanzen halbwegs gedeihen lässt, die Essen (oder Pflanzen-Treibstoff für’s Auto) ausspucken, verliert niemand ein Wort darüber!

Wissenschaftlich erwiesen: Die Produktionsfähigkeit der Böden nimmt laufend ab. Erosion, Verdichtung, Überdüngung und Konsorten haben dazu geführt, dass 45% Europas Böden deutlich an organischer Substanz verloren haben. Das sollte doch den letzten Rest an Zweifel aus dem Weg räumen, ob gesunder Boden wichtig für uns ist. Angekommen ist die Message aber noch nicht. Im Gegensatz dazu sehen Agrochemie-Konzerne wie Monsanto & Co. nicht untätig zu, sondern nützen die Chance und vermarkten so große Mengen an Düngemitteln, Pestiziden und genetisch verändertem Saatgut wie noch nie.

Klimarelevant? Ein Großteil des Kohlenstoffs auf der Erdoberfläche befindet sich im Boden, vielmehr als in der gesamten Erdvegetation und in der Atmosphäre zusammengenommen! Humus spielt dabei eine wichtige Rolle. Er wandelt den Kohlenstoff, den die Pflanzen ursprünglich in Form von CO2 aus der Luft eingeatment haben, in stabile Huminstoffe um. Wenn Humus verschwindet, wird das darin gebundene CO2 freigesetzt, und zwar zum Großteil in die Atmosphäre. Boden wird zur CO2-Quelle statt zur CO2-Senke. Was das für das globale Klima bedeutet, weiß wohl eh jede(r).

Es geht auch anders!

Der Boden könnte eben auch eine CO2-Senke sein: Es wird mehr gebunden als freigesetzt, ergo Humusaufbau. Als Bauer muss man dazu auf ein paar wichtige Dinge achten:

  • vielfältige und standortangepasste Fruchtfolgen (Leguminosen als Zwischenfrüchte!) und Untersaaten, sowie auch Mischkulturen
  • ökologisch ausgerichtete Düngerwirtschaft (Verzicht auf synthetische Dünger, besser mit Biomasse düngen)
  • natürliche, achtsame Bodenbearbeitungsmethoden (auf Pflügen verzichten und die Mikroorganismen und das Bodenleben nicht zu sehr stören. Besonders spannend: Dammkultur!)

So stellt man auch sicher, dass der Boden die Nährstoffe, die er den Nutzpflanzen schenkt und die bei der Ernte entnommen werden, wieder zurückbekommt.

Viele glauben, dass genau der Job auch von synthetischen Düngemitteln erledigt werden kann. Aber es geht nicht nur um die Nährstoffe an sich, sondern auch um den nachhaltigen Aufbau organischer Substanz, um die Verbesserung der Bodenstruktur und um die Bodenfruchtbarkeit – um ein Denken in Kreisläufen, die FUNKTIONIEREN! Das haben synthetische Spritzmittel einfach nicht drauf. Außerdem haben die ganz schön Dreck am Stecken:

  • Ressourcenintensive Herstellung: Spritzmittel werden aus Erdöl und Mineralien (Phosphate, Kalirohsalze,…) hergestellt, deren weltweite Ressourcen begrenzt sind. Dabei wird auch noch ordentlich Energie verbraucht.
  • Verseuchung von Grundwasser: Vielerorts können die Böden die Nährstoffe gar nicht mehr binden, stattdessen sickern diese hindurch und kontaminieren das Grundwasser. Vor allem Nitrat bereitet Probleme. Wenn es bereits im Trinkwasser gemessen wird, ist es zu spät für Maßnahmen: Sickerprozesse im Boden benötigen Jahre, ja sogar Jahrzehnte.
  • Gesundheitsschädliche Anwendung: In Entwicklungs- und Schwellenländern haben Agrarkonzerne mehr Einfluss als Regierungen (nicht nur dort). Die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen sind hundsmiserabel. Die schlecht entlohnten Arbeiter tragen durch den permanenten, direkten Kontakt mit den giftigen Düngemitteln ernsthafte gesundheitliche Schäden davon.

Wir haben erst an der Oberfläche gekratzt und es bleibt noch viel Stoff für zukünftige Blogeinträge. Trotzdem ist klar, worum’s geht:

Ausschließlich durch Schutz und Aufbau von Humus kann die Bodenfruchtbarkeit längerfristig erhalten werden!!!

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„Alle die großen irdischen Kreisläufe verbinden ständig das lebende Plasma mit dem toten Mineral.“

(„Humus – Bodenleben und Furchtbarkeit“ von Annie Francé-Harrar)


Mit unserer Bio-Toilette im Wohnwagon, die man ja auch für andere Anwendungsfälle nutzen kann, wollen wir einen ersten Beitrag dafür leisten: Zurück zu einem Kreislaufdenken. Bodenaufbau. Die Nährstoffe die wir durch die Nahrung dem Boden entnommen haben, werden über Kompostierung wieder rückgewonnen. Und noch eine wichtige Info: Das Phosphat, das Planzen so unbedingt brauchen und das im industriellen Abbau immer mehr zur Neige geht ist in ganz schön großen Mengen in Urin vorhanden. Ein Kreislauf wär also ganz einfach möglich. Man muss nur die ersten Schritte tun!

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Quellen:

AutorIn

Theresa Mai

von Wohnwagon - berichtet über ihre Erfahrungen und plaudert aus dem Nähkästchen drauf los.

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