11 m2 – 2 Menschen, 2 Hunde – Raus aus der Wohnung und rein in den Wagen

© Löwenzahnfanclub. Peter Lustig macht’s vor.

 

Unser Wohnwagon hat 25 m2 und ist quasi ein Schloss im Vergleich zu dem Experiment das Mirijam mit ihrem Freund gewagt haben: Zu zweit auf 11 m2! Die beiden leben in einem ausgebauten Wagen. Das verbindet mit der Natur. Und loslassen lernt man auch. Wie so ein reduziertes Leben konkret aussieht? Wir haben nachgefragt!

 

Du lebst seit ca. 5 1/2 Jahren in einem Wagen. Wie bist Du auf die Idee gekommen und wie hast Du sie umgesetzt?

Mirijam: Ich bin beim Rucksackreisen draufgekommen, dass es super ist, wenn man ein bisschen mehr Sachen dabei haben kann als in einen Rucksack passen. Darum hab ich mir einen VW Bus gekauft. Das war cool, alleine mit Hund. Dann bin ich mit meinem Freund zusammengekommen.-Wir haben uns zusammen einen Mercedes TN gekauft. Den haben wir dann selber ausgebaut und isoliert.
Jetzt haben wir den gerade verkauft und richten uns einen Steyr 680er her. Das ist ein 11-Tonner, ein richtiger LKW! Mit Off-Road und 4×4 Getriebe. Wir können damit auch Strecken fahren, die man mit einem normalen Auto nicht packt.

 

Wie viele Quadratmeter hast Du zur Verfügung?

Mirijam: Hmmm, das sind 2,20 m Breite x 4,70 m Länge, also knapp 11 m2. Es gibt Leute die haben einen Straßen – LKW, da ist der Koffer teilweise 7 m lang. Wir haben uns für die kleinere Variante entschieden, weil wir an Plätze hinkommen wollen, wo sonst keiner hinkommt. Für unseren „Off – Road – LKW“ verzichten wir gerne auf mehr Wohnraum. Wir sind natürlich super gut im Schlichten und im „Coole Gadgets einbauen“!

 

Stauraum – Tricks: Wie nutzt ihr euren Raum optimal aus? Wie schafft ihr Räume?

Mirijam: Ich hab schon extrem viele ausgebaute Wägen, Bauwägen oder LKWs gesehen und ich find’s cool, Räume zu schaffen. Der Schlafbereich ist bei uns z.B. vom Wohnbereich getrennt mit einer Holzwand, in die ich ein altes Holzfenster eingebaut hab. So können wir es aufmachen und die Räume verbinden – trotz weniger Quadratmeter! Ich mag es, wenn man das Gefühl hat, auf diesen paar Quadratmetern ein echtes Schlafzimmer zu haben. Toll ist auch ein kleines Podest mit integrierten Schubladen. Oder Stauraum unterm Bett!

 

Was waren Deine Beweggründe? Wieso hast Du Dich entschieden in einen Wagen zu ziehen?

Mirijam: Ganz eindeutig: Ich wollte draußen leben, aber trotzdem meinen persönlichen Platz mit meinen Sachen, meine Höhle haben.

Die Größe ist mir nicht so wichtig. Für mich ist das pure Lebensqualität: Wenn‘s warm ist, mach ich die Türen auf, liege im Bett mit meiner Bettwäsche, meinen Pölstern – und doch irgendwie draußen. Das lieb ich so! (lacht)

Auch die Arbeit, die man hat ist schön: Im Winter zum Beispiel, machen wir viel Holz. Mir taugt das, etwas dafür zu tun, dass ich einheizen kann! Mir gefällt, was andere Leute unvorstellbar finden: Man tut etwas dafür, dass es warm wird.

 

Gibt es einen Gegenstand ohne den Du nicht auskommen kannst / willst? Wie wichtig es ist Dir zu Minimieren?

Mirijam: Ich brauch z.B. meine Wärmeflasche. Aber ich weiß nicht, ob das jetzt ein lebenswichtiger Gegenstand ist. Ich hab vorher eine Wohnung gehabt, da war so viel Kram. Ich war super eingerichtet und hab das dann alles für einen Rucksack aufgegeben. Das war schon ein richtig cooles Gefühl für mich zu minimieren. Allerdings brauche ich im Wagen schon meine Ecken, meine Bücher. Das ist wahrscheinlich auch eine Charaktersache.

 

Was sind Deine Tipps für das Leben in einer kleinen Küche?

Mirijam: Was heißt klein! Wir haben genauso einen Gasofen mit Backrohr, mit allem! Wir haben bei der Küche nicht gespart. Das ist eine echte Küche, die ist nicht kleiner als eine Küche in einer kleinen Wohnung. Wir kochen viel und gern – auch für viele Leute! Ich hab alles in Dosen und Gläsern, Tees, Kräuter – das hilft beim Aufbewahren auf kleinem Raum!

 

http://therollinghome.tumblr.com
© http://therollinghome.tumblr.com

 

Stauraum – Tricks: Hast Du in der Küche z.B. Dinge von der Decke hängen?

Mirijam: Ja, das haben wir schon! Ich hab die ganz normalen Einmachgläser mit dem Schraubdeckel. Den Deckel kannst Du an die Unterseite von einem Kasterl nageln oder schrauben. Dann das Glas einschrauben, schon hängen die Gläser eingeschraubt fest. Man muss ja alles sichern, wenn man sein Haus bewegt, dafür ist das sehr praktisch.
Praktisch ist es auch die Felge von einem ganz alten Motorrad zu nehmen. Die hängt man an die Decke und mit Haken können dann Töpfe und Pfannen draufgehängt werden. Da ist dann alles an der Decke verstaut. Ich stehe auch auf Emaille, das ist nicht so leicht brüchig wie Porzellan.

Wir haben in Gabeln und Löffeln übrigens mit einem feinen Bohrer Löcher reingebohrt, damit man sie dann aufhängen kann; haben Haken oder Blumentöpfe umfunktioniert, um Sachen hineinzustellen. Alles ist irgendwie befestigt.

(c) https://wirsindderwandel.wordpress.com
(c) https://wirsindderwandel.wordpress.com

Habt ihr auch einen Kühlschrank und andere Geräte in der Küche?

Mirijam: Jaja. Wir haben eine Photovoltaik – Anlage am Dach und betreiben damit unseren A++ Kühlschrank. Wir haben wirklich alles an Luxus. Wir haben einen Gasofen, einen ganz normales Backrohr, das mit einer Gasflasche betrieben wird und so Sachen. Man achtet halt drauf, dass man Energie spart.

 

Worauf muss man beim Wohnen auf kleinem Raum besonders achten? Was gibt es für soziale Aspekte? Eigener Rückzugsort? Hast Du oft Freunde zu Besuch?

Mirijam: Also für mich ist es das Bett. Mir war wichtig, dass das Bett nicht offen im Raum ist sondern, durch eine Holzwand abgetrennt ist. Wenn mein Freund noch auf ist und ich schlafen will, kann ich mir so meinen Raum schaffen.

Ich mag es vor allem nicht, wenn der Besuch sich gleich auf’s Bett setzt. Deswegen haben wir ein höheres Bett gebaut und die Sitzgruppe unterhalb davon.
Was wir noch gemacht haben: Wir haben unter der Sitzbank einen Teil freigelassen und einen kleinen Eingang ausgeschnitten – als Hundehöhle!

 

Und wie funktioniert das an verregneten Tagen, zu zweit auf 11qm?

Mirijam: Also bei uns funktioniert es super, ich weiß nicht wie das bei anderen Pärchen ist, also bei uns passt das (grinst). Ja, also wir haben das Sofa einfach so gebaut, dass man sich gemütlich hinlümmeln kann. Und dann macht eh jeder was er will: lesen, Musik hören, Dokus anschauen.

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© http://wpicreative.com/bus-for-sale/ Alles ist möglich auf kleinem Raum

 

Was sind Freiheiten, die Du erst durch den Umzug erfahren hast?

Mirijam: Hmm…Loslassen! Einfach materielle Dinge loslassen. Nicht klammern an Gegenständen.
Was jetzt aber auch schon wieder mehr wird. Weil wir in der Halle, wo wir den Wagen umbauen, so viel Platz haben. Bücher…ich bin ja so ein Bücherwurm…ich habe so viele Bücher, die werde ich nicht alle mitnehmen können (grinst).
Freiheit ist für mich, materielle Dinge loszulassen. Wenn man weniger Raum hat, muss man das zwangsläufig. Gut so!

 

Auf was musst Du aufgrund des geringen Platzes verzichten?

Mirijam: Auf einen Geschirrspüler (lacht). Wir haben gerade einen Geschirrspüler in der Halle, wo wir das alte Wasser in einen Kanister leiten und der verbraucht 15 Liter. Das schaffe ich mit dem normalen Abwaschen nicht! Also rein vom Wassersparen ist der effizienter. Natürlich kommt der Strom noch dazu, wenn man genug Solarenergie hat, kein Problem, aber das geht sich halt nicht immer aus. Einen Geschirrspüler würde ich mir gern hereinstellen, aber das wird sich nicht ausgehen vom Platz. Wir sind oft unterwegs, teilweise kochen wir auf Plätzen dann für 15-20 Leute. Dann ist das Abwaschen schon ein bisschen nervig (lacht).

 

Fehlt Dir manchmal der Platz?

Mirijam: Nein, das gar nicht. Ich muss sagen, je mehr Platz ich habe, desto mehr Kram horte ich. Sachen, von denen ich mich dann nicht mehr trennen kann und das ist anstrengend. Und mit weniger Platz überleg ich es mir dann zweimal: Ok brauche ich jetzt diese zwei gleichen Gegenstände? Egal ob das jetzt Gewand ist oder Geschirr oder irgendwas, ich entscheide mich dann viel leichter für eine Sache.

 

Würdest Du sagen, dass Dich das Leben im Wagen mehr mit der Natur verbindet? Und wenn ja, wie?

Mirijam: Auf jeden Fall! Man spürt einfach die Jahreszeiten viel mehr. Also ich habe nie frieren müssen, seit ich im Wagen wohne. Wir haben einen wunderschönen, alten Holzofen im Wagen mit Schamott, den wir ordentlich eingebaut haben. Ich sehe, dass die Hunde unglaublich glücklich sind. Ich wache morgens auf und mache die Tür auf und die bleibt offen bis es abends dunkel und kühl wird. Das ist einfach das, was ich liebe.

 

Einrichten: Wie bist Du Die Reduktion auf das Wesentliche angegangen? Hattest Du einen Plan?

Mirijam: Also, der Bus, den ich mir gekauft habe, der war quasi schon ausgebaut, da war eine typische Campingeinrichtung drinnen, die war bunt gestrichen – das hatte Charakter! Als wir dann den Mercedes gekauft haben, da habe ich schon getüftelt. Ich habe zettelweise einfach verschiedene Ideen gesammelt. Einen Grundriss hat man schon im Kopf, wenn man loslegt!

 

Was sind wirklich essentielle Gegenstände für ein Leben auf kleinem Raum?

Mirijam: Bücher! (lacht) und für mich ist es auch einfach der Gemütlichkeitsfaktor: Mein Bett, meine Polster, das ist mir wichtig. Also ich würde nie die ganze Zeit mit einem Schlafsack schlafen. Ich brauche schon ein Zuhause-Feeling. Aber man lernt eben auch, loszulassen… Es sind ja nur Dinge, es geht nicht um Leben oder Tod.

Es gibt Leute, die leben extrem spartanisch. Andere nutzen direkt „Expeditionsausrüstung“, wo alles leicht und super praktisch ist – und super modern! Das ist vielleicht sinnvoll, aber für mich hat das oft keinen Charakter. Ich hab lieber etwas Schwereres dabei, das Stil hat und individuell ist.

 

Worauf muss man beim Wohnen auf Rädern noch achten?

Mirijam: Es ist wichtig, dass man nicht zu schwer wird. Leichte Materialien sind wichtig, aber für mich ist es dieses Robuste, dieser authentische Faktor. Den finde ich einfach wichtig, damit ich mich wohlfühle. Ich nehme mir lieber einen alten Vorhang mit Zierblumen und hänge den auf, als dass ich mir die super dämmenden, sonnenabweisenden High – Tech – Vorhänge nehme, die dann vielleicht viel besser für die Anwendung sind, aber einfach nicht so gemütlich. Es geht um das Gefühl, dass ich lebe und nicht, dass ich gerade auf einem Campingausflug unterwegs bin, wo ich meine Ravioli – Dose dabei habe.

Ich recycle auch viel. Ich nehme gerne alte Fahrradschläuche, um bei einem Regal dann vorne den Schlauch anzuschrauben oder anzunageln und dann ist das der Puffer bei der Fahrt, damit nix kaputt geht.

 

Wie ist das mit Badezimmer? Habt ihr eine Toilette an Bord?

Mirijam: Wir haben im Wagen keine. Nachdem es für uns immer gepasst hat, haben wir das beschlossen. Entweder ist man in der Zivilisation und da gibt‘s Toiletten oder man ist so weit in der Natur, dass man einen Spaten dabei hat. Man geht in die Natur, man gräbt sich ein Loch. Vor allem, wenn man Hunde hat, sollte man das machen (grinst).

Wir haben auch keine Dusche eingebaut, da haben wir zwar lange überlegt, aber uns dagegen entschieden. Das hat man aber auch voll schnell im Griff. Irgendwann kennt man seinen Körper. Ich komme da mit einer Schale warmem Wasser und einem Waschlappen genauso gut aus, wenn es darauf ankommt. Und im Sommer springen wir ja sowieso jeden Tag in einen See.

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Kannst Du’s Dir als dauerhaftes Lebensmodell vorstellen? Mit Familie?

Mirijam: Ja, mittlerweile schon. Aber ich überlege natürlich schon, wie man das dann machen kann. Wir haben jetzt gerade Besuch gehabt von einem Pärchen. Die haben zwei Kinder und wohnen in einem großen LKW. Und ich muss sagen, die Kinder sind so weltoffen und haben einfach so einen erweiterten Horizont, weil sie in der Natur aufwachsen, das ist toll!

Es gibt viele Traveller – Kinder, man muss sich umschauen und sein Modell finden. Besonders in Frankreich ist das populär – Familien im Wagen. Mit Hochbett geht das zum Beispiel gut! Ich hab jetzt auch schon viel drüber nachgedacht, wo ich mich gerne niederlassen und den Wagen abstellen würde. In Frankreich gibt es keine Schulpflicht. Da könnte man sich umschauen nach Gruppen mit anderen Eltern und Kindern und sich zusammentun für den Unterricht.

Jeder hat so einen Traum vor Augen, seine Utopie – ich habe meinen schon oft verändert, ich weiß nicht was kommt. Aber man kann natürlich mit einem Kleinkind noch gut reisen. Ich glaube, das kann man ein paar Jahre machen und dann muss man sich schon einen Ort suchen, wo man sich niederlässt. Dann könnte ich mir vorstellen, zum Beispiel einen großen Zirkuswagen oder so einen Holzbauwagen zu kaufen, der dann dort fix steht als Kinderzimmer. Da hat man dann seine sozialen Kontakte, das ist für Kinder auch wichtig.

Der schönste Moment, den ich gesehen habe war, wie wir mal wieder auf einem Wagenplatz gestanden sind, da sind zwei Kinder, die dort aufgewachsen sind – und es hat geregnet wie aus Kübeln – einfach in einer fetten Pfütze gestanden und sind im Regen herumgesprungen und ich habe mir einfach gedacht „Hey, welches Kind macht denn das noch?!“.

 

Danke, Mirijam, für das tolle Interview und den Einblick ins Wagenleben!

 

Die Fotos sind übrigens nicht von Mirijams Wagen, da sie sich gewünscht hat, anonym zu bleiben, wir hoffen sie bieten trotzdem genug Inspiration und Anregung!

Wer sich weiter inspirieren lassen möchte hier noch Fotos und ein Video!

http://mpora.de/articles/vintage-busse.html/1

 

 

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(c) apartmenttherapy.com
(c) El Cosmico
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AutorIn

Theresa Mai

von Wohnwagon - berichtet über ihre Erfahrungen und plaudert aus dem Nähkästchen drauf los.

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